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Ausgrabungen

von Mario Nowak — Nordwestschweiz

29.6.2018 um 05:00 Uhr

Eine vermeintliche Krone aus einem frühmittelalterlichen Grab im deutschen Xanten. Zeichnung von 1839.

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Was zunächst nach einer Krone aussieht, ist in Wirklichkeit oft nur ein Teil eines Holzeimers. Wir zeigen, dass Archäologen manchmal glorios daneben liegen.

«Das Negerhirn wäre nie in der Lage gewesen, die Initiative für solch komplizierte Arbeiten zu ergreifen», notierte der britische Forscher James Theodore Bent im Jahr 1896. Er untersuchte damals gerade die afrikanische Ruinenstadt Gross-Simbabwe im heutigen Simbabwe und war davon überzeugt, dass nicht Eingeborene die grösste afrikanische Steinsiedlung aus vorkolonialer Zeit erbaut hätten. Stattdessen seien die Konstrukteure Araber gewesen, schrieb Bent. Die schwarze Bevölkerung dagegen habe bloss Sklavenarbeit verrichtet.

Diese rassistische Deutung der Vergangenheit passte ins damalige europäische Weltbild und half den britischen Kolonialherren, ihre Unterdrückungsherrschaft als angeblich überlegene Rasse zu rechtfertigen. Dementsprechend harsch reagierten die kolonialen Siedler, als der Archäologe David Randal-MacIver 1905 nach Grabungen in der Stadt eine neue Theorie vorstellte: Nicht Araber hätten die Stadt geplant, sondern das lokale Volk der Bantu. Seine Widersacher liessen sich aber nicht überzeugen und hielten an ihren Vorurteilen fest. Erst Jahrzehnte später setzte sich Randal-MacIvers Interpretation langsam durch.

«Dass falsch interpretiert wurde, merkt man oft erst, wenn sich die gesellschaftliche Sichtweise ändert», sagt Ulrich Schädler, Archäologe und Leiter des Schweizerischen Spielmuseums. Durch Vorurteile könnten Irrtümer oder falsche Bilder der Vergangenheit entstehen, die kaum jemand infrage stellt, sagt er. Auch heute noch. Beispielsweise haben Forschende lange Zeit nur «die Römer» untersucht – von den Römerinnen dagegen sprach niemand, sagt Schädler: «Erst durch die Genderdebatte in den letzten Jahren kam die Frage auf, wie die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in der Antike ausgesehen hat.» Wenn Forschende auch diese Aspekte miteinbeziehen, erhalten sie einen kompletteren Blick auf vergangene Zivilisationen.

Vermeintliche Krone

Manchmal sind die Irrwege der Archäologie banaler – dafür umso unterhaltsamer. So fand im Jahr 1838 ein deutscher Sammler in einem frühmittelalterlichen Grab einen bronzenen Reif mit verzierten Dreiecken: Eine Krone, die einst ein königliches Haupt zierte, dachte der Archäologe.

Später entpuppte sich der Fund der «Krone» als Bronzebeschlag eines gewöhnlichen Holzeimers. LVR-LandesMuseum Bonn

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Dass er falsch lag, flog erst auf, als ähnliche Bronzebeschläge an einem gut erhaltenen Holzeimer gefunden wurden. Die ursprüngliche Deutung als Kopfschmuck kann Annika Thewes aber nachvollziehen. Sie ist wissenschaftliche Leiterin einer Ausstellung im deutschen Herne, die sich mit Irrtümern und Fälschungen in der Archäologie befasst. «Ein Reif mit Dreiecken erinnert nun mal an eine Krone», sagt die Archäologin. Wenn das Fundstück dann noch unvollständig ist, können solche Fehler passieren. «Dahinter steckt keine böse Absicht, manchmal läuft es einfach unglücklich», sagt Thewes.

Anders als früher helfen heute moderne wissenschaftliche Methoden bei der genauen Datierung und der Bestimmung der chemischen Zusammensetzung – und damit bei der Interpretation eines Fundes. Ob dadurch Irrtümer aber seltener werden, kann Annika Thewes nicht beurteilen. «Als Archäologin will ich wissen, wofür etwas da war.» So suche man instinktiv nach einer Erklärung.

Ganze 15 Jahre stellte das Museum für Urgeschichte in Zug ein Brot aus der Steinzeit aus. Als man es genauer untersuchte, tippte man auf Kot. Schliesslich erkannte man: Der Klumpen ist ein Stück Torf.

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Vielleicht gebe es aus diesem Grund in der Archäologie eine Neigung, Fundstücke mit Ritualen in Verbindung zu bringen, nämlich dann wenn keine andere Erklärung zu finden ist, meint Thewes. Zum Beispiel das berühmte Stonehenge in England, dessen genauer Zweck nach wie vor unklar ist. Für einige Archäologen sind die Steinkreise ein Ort für Rituale einer längst vergangenen Kultur, andere halten es für eine Begräbnisstätte. Genau weiss es niemand.

Irrtümer halten sich hartnäckig

«So funktioniert Wissenschaft nun mal», sagt Ulrich Schädler, der auch schon geholfen hat, Irrtümer aufzudecken. «Jemand muss eine erste Theorie wagen, die andere dann überprüfen können.» Allerdings steigt auch für Archäologen der Druck, ständig neue wissenschaftliche Studien zu veröffentlichen. «Das kann zu Schnellschüssen führen», sagt Ulrich Schädler. Mit möglichst spektakulären Funden könne man mediale Aufmerksamkeit erheischen – und mitunter spektakulär danebenliegen.

Dennoch: Dass sich in der Archäologie immer wieder Irrtümer einschleichen, finden weder Thewes noch Schädler schlimm. Denn in der Fachwelt würden sich neue Einsichten meist schnell durchsetzen, sagt Schädler. Anders sei es in der Bevölkerung: «Da ist falsches Wissen teilweise fast nicht mehr wegzukriegen.» So sind sich Forscher zum Beispiel seit Jahrhunderten sicher, dass die antiken Statuen der Römer und Griechen ursprünglich mit knalligen Farben angepinselt waren. «Dennoch denken viele Menschen immer noch, dass die Statuen schon immer so weiss waren wie jetzt», sagt Schädler.

Entgegen der landläufigen Meinung waren antike Statuen farbig: Rechts eine Rekonstruktion einer Büste des römischen Kaisers Caligula in der Ny Carlsberg Glyptotek in Kopenhagen.

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Doch auch die neusten Erkenntnisse der Archäologen sind nicht in Stein gemeisselt. Vielleicht würden sich heutige Deutungen in fünfzig Jahren als komplett falsch erweisen, meint Schädler: «Unser aktuelles Wissen ist immer nur der letzte Stand des Irrtums.»

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